Tierhaltung - gestern und heute

In meinen Adern fließt Bauernblut. Meine Großeltern hatten einen kleinen landwirtschaftlichen Betrieb in der Rhön. In ihrem Stall befanden sich 2-3 Kühe und einige Schweine. Rund ein Dutzend Hühner wurden auf einer kleinen Wiese mit Verschlag gehalten. Ein Huhn legte in der Woche nicht mehr als zwei bis drei Eier.

Jedes Tier auf dem Hof hatte einen Namen und wurde von meiner Oma liebevoll aufgezogen. Gefüttert wurde, was die Wiesen und das Land hergaben. Die Schweine bekamen Kartoffeln, Getreidekleie und im Sommer sammelten die Kinder zusätzlich Brennnesseln. Zum Hof gehörten auch einige Katzen, die als Mäusefänger ihre Dienste leisten und im Winter dankbar ein Lager neben dem Ofen fanden. Meine Oma liebte die Katzen ebenso wie ihre Stalltiere. Sie machte keinen Unterschied. Alle waren ihre Tiere.

Oma kannte ihre Tiere und wusste sehr wohl, dass es sich um fühlende Wesen handelte, die Freude, Schmerz und Angst empfinden konnten. Wenn die Zeit des Abschiednehmens kam, sah ich meine Oma nicht selten mit Tränen in den Augen. Sie verabschiedete sich am Vorabend von dem Tier, das am nächsten Tag geschlachtet werden sollte.

Fleisch gab es bei meinen Großeltern höchstens einmal in der Woche, denn die geschlachtete Kuh oder die Wurst des Schweins musste für lange Zeit vorhalten. Ihre Mahlzeiten bestanden zum Großteil aus Kartoffeln, Gemüse und Getreidegerichten, die ihnen im Vergleich zur Viehzucht weniger Aufwand abforderten.

Das ist erst 50 Jahre her...

In den Sechziger Jahren kam die Zeit des großen Wandels in der Landwirtschaft. In der Viehwirtschaft hielt die Massentierhaltung Einzug. Fleisch, Wurst, Eier, Käse, Milch, Jogurt - all die Produkte, die meine Großeltern nur in kleinen Mengen verzehrt hatten - standen nun in nahezu unbegrenzten Mengen zu immer günstigeren Preisen zur Verfügung.

Das Geschäftsmodell basierte auf neuen Produktionsweisen: Minimale Mengen an Futter und Platz, maximale Ausbeute durch genetisch veränderte Turbozüchtungen und routinemäßige Gaben von Antibiotika, Beruhigungsmitteln und Wachstumshormonen.

Die Zahl der Tiere, die in Deutschland in Massentierhaltung leben und sterben, beziffert die Albert-Schweitzer-Stiftung auf jährlich 753 Millionen.

Charakteristisch für die Massentierhaltung ist der begrenzte Raum, auf welchem große Mengen an Tieren zusammengepfercht gehalten werden. Die Tiere werden gewaltsam an die extremen Lebensbedingungen „angepasst“: Hörner, Schnäbel und Ringelschwänze werden betäubungslos amputiert.

Die allermeisten von ihnen sehen nie das Sonnenlicht, atmen keine Frischluft, sind angekettet oder können sich nur auf kleinstem Raum bewegen. Ihre Sozialstrukturen werden folglich schwer beeinträchtigt. Es gibt keine Rückzugsräume, keine Ausweichmöglichkeiten, keinen Nestbau, kein Spielen und Zusammenleben. Wir bezeichnen diese Tiere als Nutztiereund schließen sie weitgehend von unseren Tierschutzgesetzen aus.

Ich möchte an zwei Beispielen die sogenannte Wertschöpfung in der Tierhaltung kritisch in Frage stellen:

Kühe werden künstlich befruchtet, um ein Kalb zu gebären, denn nur dann produzieren sie Milch. Kurz nach der Geburt werden ihre Kälbchen weggenommen, damit die Milch für den Menschen vorgehalten werden kann. Welche Verstörungen mag dies bei Mutter und Kind

auslösen? Zu bemerken ist zudem, dass der Mensch das einzige Tier auf der Erde ist, das die Milch eines anderen Säugertiers zu sich nimmt.

Die männlichen Nachkommen von Legehybridhühnern sind für die Wertschöpfungskette unbrauchbar. Sie unterscheiden sich so stark von den hochgezüchteten Masthühnern, dass sie für die weitere Aufzucht keinen wirtschaftlichen Nutzen bringen. Deshalb werden jährlich ca. 48 Millionen männliche Hühnchen in Deutschland zerstückelt oder vergast. (Quelle: Albert-Schweizer-Stiftung).

Wenn wir daher von Tierhaltung sprechen, dann sprechen wir von Massentierhaltung. Wie Jonathan Safran Foer in seinem aufschlussreichen Buch „Tiere essen“ darlegt, sind weltweit 450 Milliarden Tiere davon betroffen (Safran Foer, 2009).

Eine Studie der Universität von Chicago aus dem Jahre 2006 hat die enormen Auswirkungen auf die Umwelt untersucht und kam zu folgendem Ergebnis:

Massentierhaltung leistet einen 40% höheren Beitrag zur globalen Erderwärmung als alle Transportmittel auf der Welt zusammen. Sie ist die Hauptursache des Klimawandels.

Auch die UN-Organisation für Ernährung und Landwirtschaft (FAO) beschäftigte sich mit den Auswirkungen der Tierhaltung auf die Umwelt:

„Alle Arten von Tierzucht (Massentierhaltung oder artgerechte [Bio]-Tierhaltung) sind unter den ersten drei Verursachern von schweren Umweltproblemen lokaler als auch globaler Größenordnung. Hierzu gehören Landverödung, Klimawandel, Luft- und Wasserverschmutzung, Wassermangel, Verlust der Artenvielfalt.“ (UN, Rom 2006)

Zusammenfassend können wir sagen, dass unser Essverhalten große Auswirkungen hat. Vielleicht größere Auswirkungen auf die Umwelt, als alle anderen Entscheidungen, die wir treffen.

Und meine Oma? Was würde sie wohl sagen, wenn sie einen Blick in unsere heutige Zeit werfen könnte?

Ich vermute, sie wäre betroffen und irritiert den großen willkürlichen Unterschied zu sehen, den wir zwischen unseren Nutztierenund unseren heißgeliebten Haustierenmachen. Die einen müssen Milliarden für uns erwirtschaften, für die anderen geben wir gerne diese Summen aus. Sie würde sich fragen, warum wir bestimmte Tiere dermaßen bevorzugen. Sind sie nicht alle Wesen, die fühlen und wahrnehmen können und die Freude und Leid empfinden? Vor allem dies sollte uns nicht gleichgültig sein.

Der BUND hilft beim Widerstand gegen die industrielle Massentierhaltung (www.bund.net/massentierhaltung) und hat das bundesweite Netzwerk Bauernhöfe statt Agrarfabrikenmitgegründet. Außerdem unterstützt der BUND Initiativen gegen Ausbeutung und Lohndumping auf Schlachthöfen. Gemeinsam mit Bauern entwickelt der BUND zudem Alternativen wie das Neuland-Fleisch-Programm

Petra Zahay
Mitglied BUND
Bad Nauheim, 16.05.2017



Schluß mit Pestiziden

Aktionsgrafik 'Das Schweigen der Lerche', Quelle: BUND

Pestizide sind entscheidend am Sterben ganzer Bienenvölker beteiligt. Insbesondere die Neonikotinoide schwächen das Immunsystem der Honigproduzenten und machen sie anfällig für den Befall von Milben und Viren. Außerdem verlieren sie ihre Orientierungsfähigkeit, so dass sie nicht mehr zu ihrem Volk zurückfinden. Ein großes Problem – denn als wichtige Bestäuber sichern Bienen 35 Prozent der weltweit produzierten Nahrungsmittel. Auch das Vogelsterben in der Agrarlandschaft wird durch diese Pestizide verursacht, denn auch andere Insekten, die Nahrung vieler Vogelarten, werden getötet.

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